"Hass mit gutem Gewissen"

Warum selbstgerechte Verachtung den Boden der Tyrannei bereitet.

Der hier zusammengefasste Beitrag mit dem Titel „Die unheimliche Mitte der Gesellschaft: Gefahr für die Demokratie?, erschienen in der NZZ vom 1. April 2025 stellt die verbreitete Annahme infrage, wonach Gefahren für die Demokratie vor allem von politischen Extremisten ausgehen. Stattdessen wird hervorgehoben, dass autoritäre Entwicklungen erst durch die Zustimmung und die moralische Selbstgewissheit der gesellschaftlichen Mitte möglich werden. Historische Erfahrungen mit totalitären Regimen zeigten, dass Verbrechen nicht allein von wenigen Machthabern getragen wurden, sondern von einer großen Zahl angepasster Mitläufer.


Besonders problematisch sei dabei ein Denken in moralischen Lagern. Menschen und Gruppen neigten dazu, eigene Schattenseiten auf politische Gegner zu projizieren und diese als moralisch minderwertig zu brandmarken. Dadurch entstehe ein "Hass mit gutem Gewissen", der als Rechtfertigung dafür empfunden wird, Menschen auszugrenzen, in Verruf zu bringen und sozial zu ächten, ohne dies als Unrecht wahrnehmen zu müssen. Dieser "Hass mit gutem Gewissen" bilde den Kern totaler staatlicher Kontrolle.


Kritisch beleuchtet wird zudem die Rolle moralischer Selbstdarstellung: Politische Positionen würden zunehmend nicht aus Widerstandsbereitschaft vertreten, sondern dort, wo sie gesellschaftlich anerkannt sind und belohnt werden. Ein echter Widerspruch gegen dominierende Meinungen bleibe selten, weil ein solcher Widerspruch persönliche Nachteile mit sich bringen kann.


Als Gegenmodell wird eine liberale Haltung vorgeschlagen, die auf Selbstkritik, Fehlbarkeit und Zurückhaltung gegenüber moralischen Überlegenheitsansprüchen beruht. Eine demokratische Gesellschaft sei besonders dann stabil, wenn sie sich nicht als Gemeinschaft der Guten, sondern als Gemeinschaft unvollkommener Menschen begreift.




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